Sie sind hier: Startseite > Infos > Über verschiedene Themen > Geistliche Aspekte der Geburt

Geistliche Aspekte der Geburt


Die Geburt aus der Sicht des christl. Glaubens


Nach der Lehre der katholischen Kirche gibt es zwei Sinngehalte für die geschlechtliche Liebesvereinigung von Mann und Frau: die Erzeugung von Leben und die Vertiefung der ehelichen Liebe. Diese beiden Sinngehalte gehören zusammen - sie berühren das Geheimnis der göttlichen Erschaffung des Menschen ( vgl. Papst Paul VI.: Enzyklika Humanae Vitae ).
Die Heilige Schrift bezeugt Gott als den Schöpfer. Er rief die Schöpfung durch sein Wort in das Dasein und ist ihr durch eine unauflösliche Liebe verbunden. Diese Liebe Gottes ist der Grund, warum er die Schöpfung ins Leben rief, sie erhält und somit auch der Grund für die Existenz des Menschen.
Bei der Zeugung eines Kindes sind die Eltern in besonderer Weise in die Mitarbeit an der Schöpfung gerufen, und in diesem Geschehen leuchtet das Geheimnis der göttlichen Erschaffung der Welt auf. Die Dimension der Lust, die der Mensch bei der Zeugung erlebt, vermag ihm eine Ahnung der inneren Freude Gottes bei der Erschaffung der Welt zu erschließen ( vgl. Genesis 1.31: "Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut." ).
Seit der Gottessohn auf der Erde war, vom Heiligen Geist gezeugt und durch eine menschliche Mutter geboren, ist die Menschheit in Christus untrennbar mit Gott vereint worden, was den Wert eines Menschen noch einmal in einem neuen Licht erscheinen läßt.
In der Zeugung eines Kindes - aus dem Mann und in der Frau - ist eine Analogie dieses göttlich-menschlich-inkarnatorischen Vorgangs zu erkennen.
Wie Gott den Menschen aus Liebe geschaffen hat und er ein Gegenüber dieser seiner Liebe wird, so hat er es auch für den Weg des Menschen bestimmt - das Kind ist Frucht der Liebe zwischen Mann und Frau. Auch für die Menschen besteht keine Notwendigkeit, ein Kind zu zeugen - auch ohne Kinder ist ein erfülltes Leben denkbar - das Kind ist also ein Geschenk einer freien Liebe.
Bei der Zeugung eines Kindes stellt sich die Frage nach der Bestimmung des Menschen. Jedes Kind ist Gottes Wille und hat von Gott seine unverwechselbare Bestimmung erhalten. Die Einhauchung der Seele geschieht im Augenblick seiner Zeugung. Demnach ist die Zeugung und Geburt eines Kindes nicht nur die Mitarbeit an der Erschaffung des natürlichen Lebens, sondern auch gleichzeitig die Mitwirkung an der Erschaffung des Menschen in seiner transzendenten Dimension: Gott zu erkennen, auf seine Liebe zu antworten und den Plan Gottes für das eigene Leben in und für diese Welt zu verwirklichen.
Die Liebe zwischen Mann und Frau ist ein Abbild der Liebe Gottes zu uns oder, wie es der Apostel Paulus ausdrückt, ein Abbild der Liebe Christi zur Kirche.
Man könnte die Menschheitsgeschichte als eine Liebesgeschichte zwischen dem treuen und liebenden Gott und dem untreuen Menschen beschreiben. Gott schließt mit der Menschheit einen ewigen Bund, den er durch seinen Geist immer wieder erneuert und vertieft. Das Ziel ist, den Menschen in der Ewigkeit zur völligen Liebesvereinigung mit sich zu führen.
Die geschlechtliche Liebesvereinigung zwischen Mann und Frau, die als ganzheitlicher Akt Geist, Seele und Leib umfasst, verbindet Frau und Mann so tief miteinander, daß sie eins werden. Jesus drückt es so aus: "Mann und Frau werden ein Fleisch". Diese Liebe zwischen Mann und Frau wird durch die Vereinigung immer wieder erneuert und vertieft, weil sich das tiefste Wesen des anderen Menschen im Liebesakt ganzheitlich erschließen kann.
Diese Hingabe des einen an den anderen Menschen im Akt der Liebe hat in der Beziehung Gottes zum Menschen seinen Ursprung - Gott gibt sich dem Menschen in der Liebe ganz hin, und der liebende Mensch kann sich in seiner Totalität, die gegenüber Gott eine absolute sein darf, Gott völlig schenken.
Das Kind nun, als Frucht der Liebe zwischen Mann und Frau im Zusammenwirken mit dem Schöpfergott, erfährt in der Liebe der Eltern seine Sicherheit, in dem Bund zwischen Mann und Frau, der nach Gottes Willen für das ganze Leben gilt. Es lernt durch die Eltern das Geheimnis dieser allumfassenden Liebe kennen. Gerade deshalb ist es auch so tief verwundbar, wenn seine Ersterfahrungen nicht von dieser Liebe geprägt sind.
Im kirchlichen Leben wird die Liebesvereinigung zwischen Gott und Mensch besonders beim Empfang der heiligen Kommunion sichtbar. Christus schenkt sich dem Gläubigen, und der Mensch versucht mit der Hilfe Gottes alle Hindernisse für diese Vereinigung aus dem Weg zu räumen (das ist übrigens auch ein Sinn der Beichte).
Die geschlechtliche Vereinigung sollte im Leben zwischen Mann und Frau der Gipfel der Liebe, ja, bereits eine Art der Vollendung der Liebe bedeuten - die integrierte Lust ist ein Indikator der Freude an der geschlechtlichen Vereinigung. Das Kind als Frucht einer solchen Vereinigung wird gleichsam zum Zeichen und zur Realität dieser Liebe.
Im Gegensatz zu diesem Weg Gottes mit dem Menschen, der die Würde der Person zur Entfaltung bringt, steht in der Regel die Praxis des Menschen. Angesichts dieser Praxis und der enormen Schwierigkeiten, die der Mensch mit sich selbst und anderen hat, klingt der eigentliche Weg Gottes als nicht zu erreichendes Ideal, die Forderungen der Kirche wirken für den Menschen von heute unangemessen. Die Einsicht in die Richtigkeit einer dauerhaften Beziehung steht ebenso in Frage wie eine geforderte Bewältigung der Liebeskraft des Menschen, die sich gerade auf dem Gebiet der menschlichen Sexualität immer wieder zu verselbständigen droht. Der Formung des Menschen durch das Gebot Gottes steht die Forderung des Rechts auf freie und eigenbestimmte Lustentfaltung gegenüber.
Woher kommt die häufige und meist große Diskrepanz zwischen dem Weg Gottes und dem Weg des Menschen?
In diesem Zusammenhang sind einige Aspekte des menschlichen Lebens zu betrachten, die mit dem Sündenfall zusammenhängen ( vgl Genesis, Kapitel 3 ).
Durch den Sündenfall überschritt der Mensch seine ihm von Gott gegebene Grenze, entfernte sich von der Freundschaft Gottes. Um mit der Sprache der Liebe zu sprechen - der Mensch selbst macht sich für die Liebe Gottes nahezu unempfänglich - sein Leben gerät unter den Einfluß der Mächte der Zerstörung.
Der Sündenfall ist die große Katastrophe der Menschheitsgeschichte, weil der Mensch aus der ursprünglichen paradiesischen Einheit mit Gott herausgelöst wurde und in Feindschaft mit sich selbst und seinesgleichen geriet. Diesen heillosen Zustand kann er aus eigener Kraft nicht überwinden - er trägt, wie es der hl. Paulus ausdrückt, das Gesetz des Fleisches, welches wider den Geist streitet, in sich selbst.
Die Antriebe seiner Natur, die im Zustand seiner Integrität dem Geist und dessen Einsicht willig waren, lehnen sich auf und sind immer in der Gefahr, ein eigenbestimmtes Leben zu führen, das sich dem Willen des Geistes nicht beugen will und statt dessen Herrschaft über den Menschen erlangt.
Diesem gefallenen Zustand des Menschen wendet sich Gott in seiner erbarmenden Liebe erneut zu - Gott selbst tritt durch Geburt, Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi in die Kluft zwischen sich und seiner Schöpfung, die unter die Herrschaft des "Fürsten dieser Welt" geraten ist.
Jesus, als Gottes- und Menschensohn, schenkt dem Vater jene Liebe des Menschen, die der Güte und Gerechtigkeit Gottes entspricht und erfüllt vollkommen den Auftrag des Vaters, die Menschheit wieder zu ihm zurückzuführen. In seiner Person überwindet er für den Menschen die Feindschaft gegen Gott und löst ihn aus den Ketten des Todes.
Gott sucht also den Menschen im Zustand seiner Heillosigkeit und bringt seinen Plan mit dem Menschen auch unter den veränderten Umständen zum Ziel. - allerdings unter dem Kreuz und durch jenen Tod hindurch, mit all den Dimensionen des Schmerzes und des Leides, die durch die Sünde in die Welt gekommen ist.
Seit dem Sündenfall steht die Geburt eines Kindes unter dem Wort Gottes: "Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder" ( Genesis 3,16 ).
Schauen wir nun tiefer in die Absicht Gottes mit dieser Maßnahme hinein, merken wir, daß es nicht primär um eine Strafe geht, wie wir es verstehen, sondern um einen Weg des Heils unter den veränderten Bedingungen des durch den Sündenfall geprägten Menschen.
Wir wissen, daß Geburtswehen existentielle Schmerzen sind, die bis an den Rand der Erträglichkeit gehen.
Gott läßt nun die Frau in geheimnisvoller Weise Anteil an seinem eigenen Schmerz um den Menschen nehmen. Die Menschheit wird nun unter Schmerzen geboren. Unter dem Kreuz wird die neue, mit Gott versöhnte Menschheit geboren.
Unter den Schmerzen der Mutter erblickt der neue Mensch das Licht der Welt. Die Frau muß das Tal der Schmerzen durchwandern - je mehr sie die Schmerzen annimmt und mitwirkt, desto besser geschieht der Geburtsvorgang. Je mehr die Frau mitwirkt und das geschehen läßt, was geschehen soll, desto einfacher wird es für alle.
In diesem Geschehen spiegelt sich wiederum Gottes Wirken an uns: Auch die Erlösung durch Christus ist ein Geschehen, dem wir uns zu öffnen haben und an dem wir mitwirken.
Das Tal der Schmerzen wird dann bald verlassen und vergessen, wenn sich die Freude über die Geburt eines Kindes einstellt - analog kommt nach dem Tod die Freude der Auferstehung. Die Frau gibt das Leben frei für die eigene Existenz, übernimmt aber die ganze Verantwortung der Liebe für ein Leben, welches ihr nicht gehört, ihr aber von Gott auf das Tiefste anvertraut ist - ein Leben das hilflos und schwach ist und doch seine eigene Würde besitzt und durch sein Dasein beglückt.
Während der Geburt ist zu merken, daß man in ein Geheimnis hineingenommen ist - die Frau öffnet durch den Schmerz hindurch dem neuen Leben die Türe, wie Jesus uns durch den Todesschmerz den Weg zum Vater und damit zum ewigen Leben öffnet.
Jesus hat sich als Gottes- und Menschensohn durch das eigene Leiden von der Sünde des Menschen und deren Folgen berühren lassen und den Menschen bis in seine tiefste Gottverlassenheit erfahren - so wird auch die Frau sensibel für den Schmerz der Welt, denn gerade durch eine bewußte Geburt öffnet sie sich für eine große Dimension der Wahrheit - für den Weg des Kreuzes - durch das Leid hindurch zur Freude - durch den Tod zum Leben.
Durch die Geburt des Kindes erfährt die Frau die Verklärung der ganzen Situation so, wie die Auferstehung die vom Tode gezeichnete Schöpfung verklärt.
Und der Mann?
Beim Mann leuchtet die Situation des Vaters, der Gottesmutter und der Jünger auf. Auch er leidet - er leidet um die Frau, die Schmerzen hat, die er ihr nicht abnehmen kann und an deren Schmerzen er durch die Zeugung beteiligt ist - er leidet Ängste um das Kind - er leidet unter seiner Hilflosigkeit und seinem letzten Unwissen diesem Geheimnis gegenüber.
Es spiegelt sich das Leiden des Vaters um den Sohn , der Gottesmutter um den Sohn und der hilflosen Jünger angesichts des Leidens und des Todes Jesu, welches ihr Denkvermögen so sehr überstieg.
Es bedarf auch der liebenden Einwilligung des Mannes zu dem Geschehen, ja, auch seiner Hingabe, um seiner Frau und dem Kind eine Stütze zu sein, und sei es einfach nur durch seine schweigende Liebe.
Auch in der Erziehung der nun anvertrauten Kinder sind wir ganz eng mit Gott verbunden , der uns in Geburt und Erlösung nicht nur mit dem neuen Leben beschenkt, sondern es auch durch den Heiligen Geist formen und verwandeln will. Die Aufgabe der Eltern, zumindest bis die Kinder ihre eigenen Wege gehen, besteht darin, sie in Weisheit zu formen und anzuleiten, damit der Plan Gottes sich in ihnen entfalten kann und das, was in der Taufe dem Menschen zugrunde gelegt wird, weise Förderung erhält.
Dabei erleiden sie wiederum häufig Geburtswehen und müssen durch manches Leid hindurchgehen. Eine der wichtigsten und auch schwierigsten Aufgaben ist es, das Kind innerlich für Gott und seinen eigenen Weg freizugeben. Mit dieser unauflöslichen Forderung erfahren wir auch immer wieder die Grenze unseres Menschseins! Wir sind nicht Schöpfer des Lebens, sondern die Verwalter .- das Leben gehört nicht uns, sondern es ist uns anvertraut - so erfahren wir durch Geburt und Elternschaft einerseits eine unermessliche Aufgabe und Teilnahme am Plan Gottes, aber auch jene Grenze, die dem Menschen gegeben ist: sie sollten wir niemals überschreiten.